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Beobachter
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Haustiere
Haustiere:
Kriechende und krabbelnde Hausgenossen
Sie stecken
ihr Vermögen und die ganze Freizeit in ihr Hobby. Sie kennen sich
in ihrem Gebiet besser aus als viele Biologen. Und sie kämpfen gegen
Vorurteile: Menschen, die ihr Herz an exotische Haustiere verloren
haben.
Von Meili
Dschen, Foto Gian Vaitl

Andere halten
Katzen, er hält Spinnen. «Spinnen», sagt Thomas Märklin, «sind ganz
normale Haustiere.» Und wie normale Haustiere haben die Spinnen
in seiner Wohnung in Amriswil TG auch ihr Plätzchen bekommen. Ein
ganzes Zimmer ist ihnen zugeteilt, darin reiht sich ein Terrarium
ans andere. 150 Vogelspinnen wohnen unter seinem Dach, schätzt der
24-jährige Heizungstechniker. Das geht noch, denn er hat abgebaut.
«Früher waren es gegen 300 Spinnen, und das war dann doch ziemlich
zeitraubend.» Alles begann vor drei Jahren. «Cool», dachte sich
Märklin damals, «eine Vogelspinne, die hat nicht jeder.» Und kaum
krabbelte ein solches Tier bei ihm im Terrarium, packte ihn die
Leidenschaft: Eine war nicht mehr genug, weitere mussten her. Bald
war Märklin regelrecht süchtig geworden nach den haarigen Achtbeinern.
Statt wie einst auf dem Fussballfeld traf man ihn sonntags auf Spinnenbörsen,
häufig auch in Deutschland.
Von da brachte
er jeweils ein neues Schmuckstück für seine Sammlung mit. Die Kontakte
mit Spinnenfreunden im In- und Ausland bescherten ihm gesalzene
Telefonrechnungen, aber auch viel neues Wissen, so dass ihm bald
Nachzuchten von schwierig zu haltenden Arten gelangen.
Drei, vier
Stunden wöchentlich braucht er für die «Wartung» seiner Spinnen:
Wasser wechseln, ab und zu Scheiben reinigen, füttern. Das alles
ist fast so harmlos wie bei einem Wellensittich. Denn Vogelspinnen
sind keine Gift speienden Ungeheuer. Ihnen genügt einmal pro Woche
eine Hand voll Grillen. Die packen sie mit ihren imposanten Klauen,
den so genannten Chelizeren, töten sie mit einer Giftinjektion und
verflüssigen sie mit einem Sekret, um sie dann einzusaugen.
Ihr Gift
reicht aus, um einer Maus den Garaus zu machen, ist aber für Menschen
ungefährlich. Zudem sind die wenigsten Vogelspinnen aggressiv. Die
meisten sitzen tagsüber ruhig in ihrem Versteck und warten auf die
Dunkelheit. Nachts werden die Tierchen erst richtig munter. Dann
nimmt Thomas Märklin die Taschenlampe, um ihr Treiben zu verfolgen.
«Das Grösste wäre, wenn ich nicht mehr arbeiten müsste und mich
nur noch mit den Spinnen beschäftigen könnte.» Für Alice Huwiler
aus Wettswil ZH wurde dies Realität - allerdings nicht ganz freiwillig.
Ein Unfall vor fünf Jahren hatte das Leben der 42-jährigen Abteilungsleiterin
völlig verändert. Ihr Beruf, das Tanzen, das Motorradfahren: All
das war auf einen Schlag nicht mehr möglich. Die angeschlagene Gesundheit
fesselte sie ans Haus.
Nach diesem
brutalen Einschnitt begann sie, die Dinge in ihrer Nähe genauer
wahrzunehmen. Sie, die vorher ständig in Bewegung war, entwickelte
plötzlich ein Auge für die Natur, den Horizont, die Wolken. So kam
es, dass sie eines Tages am Fenster eine Kreuzspinne entdeckte,
die sie den ganzen Sommer lang beobachtete.
«Dabei hatte
ich damals eine Spinnenphobie», sagt Alice Huwiler. Eine Spinne
an der Schlafzimmerdecke konnte sie um den Schlaf bringen. Doch
die Kreuzspinne am Stubenfenster fand sie so faszinierend, dass
sich ihre Furcht vor Spinnen legte.
Anderthalb
Jahre nach dem Unfall kaufte sie sich ihre erste Vogelspinne, eine
Brachypelma emilia. Heute besitzt sie 45 Arten, von denen sie einige
nachzüchtet. Und zwar sehr erfolgreich: Mittlerweile gehört Alice
Huwiler zu den Kapazitäten unter den Spinnenhaltern, von denen mehrere
hundert im Verein Arachnida zusammengeschlossen sind.
Wohin man
im Wohnzimmer blickt: Uberall stehen Terrarien. Grosse, kleine,
hohe, rechteckige. Irgendwo zwischendrin ganz zufällig ein Fernsehapparat.
Doch den schaltet Alice Huwiler nur selten ein. «Die Spinnen», lacht
sie, «sind spannender.»
Spinnenpflege
braucht viel Geduld
Alles an
den Spinnen fasziniert sie: das Verhalten, die elegante Fortbewegungsart,
die Farben und die Formen. «Es ist beruhigend, den Spinnen zuzuschauen.
Man braucht allerdings viel Zeit und Geduld.» Setzt sie etwa ein
paarungsbereites Männchen zu einem Weibchen, kann es Stunden dauern,
bis es zwischen den beiden funkt. Stunden, in denen Alice Huwiler
vor dem Terrarium sitzt, damit sie ihr Spinnenmännchen nach getaner
Arbeit schnell entfernen kann. Denn nach der Kopulation könnte das
Weibchen Appetit auf den Spinnenmann entwickeln.
Die Frucht
der erfolgreichen Paarungen wächst im Nebenzimmer heran: In vielen
Schachteln krabbeln Hunderte von Spinnenbabys - zarte, fast durchsichtige
Winzlinge, die im Verlauf der Monate zu stattlichen Spinnen heranwachsen.
Eine Vogelspinne ist ein Freund fürs Leben, jedenfalls wenn sie
weiblichen Geschlechts ist. Dann kann sie locker zwanzig Jahre alt
werden. Die Männchen hingegen sterben nach vier, fünf Jahren.
Mit akribischer
Genauigkeit notiert Alice Huwiler Zeit und Besonderheiten von Vorkommnissen
wie Häutung, Paarung, Kokonbau oder Brutpflege. «Jede Spinne ist
ein Individuum», sagt sie. Sie kennt ihre Tiere und deren Eigenheiten,
weil sie fast die ganze Zeit mit ihnen verbringt - mehr Zeit, als
«richtige» Wissenschaftler es je könnten. Kein Wunder, führten ihre
Beobachtungen zu Ergebnissen, die in der Fachliteratur nicht erwähnt
sind.
Jede Woche
bringt die Post eine gut verschlossene Kartonröhre. Eine Expresssendung
von der Grillenfarm. Darin krabbeln einige hundert Heimchen. Sie
werden in einem Plastikbehälter in der Küche zwischengelagert: Spinnenfutter.
Auch im Badezimmer wird man an Spinnen erinnert: Das Muster auf
dem WC-Deckel-Uberzug stellt ein Spinnennetz dar. «Spinnen sind
das Wichtigste in meinem Leben - dann kommt lange nichts mehr.»
Mit Unverständnis
oder bestenfalls mit Gleichgültigkeit reagiert das Umfeld auf die
Leidenschaft der Arachnophilen. Wer Spinnen liebt, mit dem kann
doch etwas nicht stimmen - so die landläufige Meinung. Viele Spinnenfreunde
haben Angst, in eine falsche Ecke gedrängt zu werden. «Bitte schreiben
Sie nichts Reisserisches», sagt Alice Huwiler, «bitte keine Vorurteile
zementieren.» Misstrauen auch bei Schlangenhalter Henri Kratzer.
«Sie werden hoffentlich seriös berichten. Die Presse hat zu oft
aus purer Sensationsgier unser Hobby falsch dargestellt», sagt er
bissig. Schlangen eignen sich natürlich besonders gut für spektakuläre
Berichte. Nicht nur das ärgert Kratzer, auch die Diskriminierung
von Schlangenhaltern im Alltag gibt ihm zu denken. Schon manchem,
der zu Hause Schlangen hielt, wurde aus diesem Grund die Wohnung
gekündigt. Deshalb üben viele ihr Hobby im Versteckten aus - hinter
geschlossenen Fensterläden, in steter Furcht vor den Nachbarn.
Prahler
bringen die Szene in Verruf
Natürlich
gibt es auch unter den Schlangenhaltern schwarze Schafe, die ihren
zweifelhaften Ruf selber verschulden - das verschweigt Kratzer nicht.
Manch einer hält eine Schlange, um sich an der Hühnerhaut des Publikums
zu ergötzen oder um mit ihrer Gefährlichkeit zu prahlen.
Schlangenliebhaber
wie Henri Kratzer aber möchten nur eines: dass die Menschen ihre
Angst vor den Tieren verlieren. «Mit den nötigen Sicherheitsmassnahmen
kann nichts passieren.» Kratzer hält seine Schlangen seit mehr als
dreissig Jahren im Keller eines Mehrfamilienhauses in Zürich-Schwamendingen.
Es kam noch nie zu einem Zwischenfall. Die Fenster sind mit feinem
Drahtgitter verkleidet, die Terrarien abgeschlossen. Und Totenkopfkleber
auf den Terrariumscheiben warnen Unkundige vor den Giftschlangen.
Sein letzter
Schlangenbiss liege zwanzig Jahre zurück, erinnert sich Henri Kratzer.
Früher, als seine Erfahrung noch nicht so gross war und der Leichtsinn
ab und zu über die Vorsicht siegte, kam es schon mal zu Bissen.
Er spricht nicht gern darüber, denn, so sagt er heute kategorisch,
«bei einer seriösen Schlangenhaltung wird man nicht gebissen». Die
Bisse hat er gut überstanden: «Ich hatte Glück», sagt Kratzer trocken.
Für den Fall der Fälle bewahrt er einige Gegengifte im Schrank auf.
Wer Henri
Kratzers Vivarium betritt, kommt in eine andere Welt. Wir befinden
uns in den Tropen: Die Luft ist schwülfeucht, die Raumtemperatur
beträgt 27 Grad, im Sommer wie im Winter.
Die beleuchteten
Terrarien sind kleine Biotope, wunderschön hergerichtet mit Pflanzen,
Ästen und Bodengrund - so als hätten wir einen Ausschnitt aus dem
madagassischen Regenwald vor uns, einen Teil des südamerikanischen
Nebelwaldes oder einen Quadratmeter Saharaboden.
Insgesamt
189 Schlangen sind zurzeit hier zu Hause. Darunter befinden sich
viele Jungtiere. Zwanzig ungiftige und zwölf giftige Arten sind
vertreten, auch viele aussergewöhnliche und seltene.
Die Grüne
Mamba ist die giftigste und eine der schönsten Schlangen in Kratzers
Vivarium: Zwei grosse schwarze Knopfaugen und die schwarze fadendünne
Zunge kontrastieren mit der porzellanartig glänzenden lindgrünen
Schuppenhaut.
Die Jamaica-Boa
ist in der Natur fast ausgestorben. Kratzer hat sie im Rahmen eines
internationalen Arterhaltungsprogramms erfolgreich zur Nachzucht
gebracht.
Dominiert
wird der Raum aber vom grossen Gehege des afrikanischen Stumpfkrokodils.
Wie ein Minisaurier treibt es regungslos im Wasser und mustert die
Besucher mit grossen blanken Augen.
Nichtwissenschaftler
macht Furore
Henri Kratzer,
Jahrgang 1934, ist in der Schweiz einer der Initianten der Herpetologie
- der Wissenschaft von den Lurchen und Kriechtieren. Vor drei Jahrzehnten
gründete er die Landesgruppe Schweiz der Deutschen Gesellschaft
für Herpetologie und Terrarienkunde. Die internationale Forschergemeinschaft
zählt weltweit 6000 Mitglieder. 300 leben in der Schweiz.
Der «Nichtwissenschaftler»
Kratzer war damals einer von wenigen Schweizern, die sich intensiv
mit Schlangen befassten. Heute ist er ein weltweit anerkannter Schlangenspezialist,
der an Kongressen nicht fehlen darf. Er publiziert in wissenschaftlichen
Werken und berät Wissenschaftler. Zahlreiche Verdankungen in der
Fachliteratur sind dem «experienced snake keeper» Henri Kratzer
gewidmet. Eine Zornnatter ist nach ihm benannt, die Coluber viridiflavus
kratzeri. Und nicht ohne Stolz weist Henri Kratzer darauf hin, dass
«in diesem Keller schwierige Nachzuchten weltweit das erste Mal
gelungen sind».
Die Schlangenliebe
hatte ihn schon früh gepackt. Bereits als Knirps verbrachte er Stunden
in Kies- und Lehmgruben, fing Ringelnattern und beobachtete Frösche.
Mit zwölf Jahren fing er von Hand eine giftige Kreuzotter und brachte
sie zum Entsetzen der Familie nach Hause. Später hätte er gern Biologie
studiert, doch man hiess ihn, zuerst einen «richtigen» Beruf zu
erlernen und die Schlangen als Hobby zu betreiben. Kratzer befolgte
diesen Rat - «und das war wohl auch richtig so».
So wurde
er Hochbauzeichner, dann Bauführer und schliesslich Liegenschaftsverwalter.
Doch zwei Stunden pro Tag verbrachte er nach der Arbeit jeweils
bei den Schlangen. Und als ob das nicht reichen würde: Henri Kratzer
amtete noch jahrelang als Eishockey-Schiedsrichter in der Nationalliga.
Die Ferien
gehören den Kriechtieren
Seine Ferien
verbringt Henri Kratzer seit zwanzig Jahren mit anderen Herpetologen
auf Expeditionen. Die abenteuerlichen Forschungsreisen führen ihn
zu den entlegensten Ecken der Welt: auf die Salomonen zum Beispiel,
die Neuen Hebriden oder zum Bismarck-Archipel.
Auch in diesem
Sommer wird er wieder aufbrechen, für einen Monat. Dann wird er
das höchste der Gefühle der Herpetologen geniessen, das schöner
ist als ein Sechser im Lotto: die selig machende Gelegenheit nämlich,
nichts anderes zu tun, als sich mit Kriechtieren zu beschäftigen.
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Erfahrungsberichte
jeglicher Arten bitte an: t.maerklin@poecilotheria.com
Ich
werde alle Zusendungen seriös behandeln.
Update:
02. September, 2002 / TM
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